Heidrun Günther, "fern-seh-Sessel", 2008, 200 x 150 x 150 cm, auf 4 m hohem Rohr (Fotomontage)
Heidrun Günther, "fern-seh-Sessel"
Heidrun Günther, "fern-seh-Sessel"
Heidrun Günther
Plastik, "fern-seh-Sessel", 2008
Sessel aus Styropor, rot gestrichen, ca. 200x 150 x 150 cm, montiert auf 4 m hohem Metallrohr
1. Symposion "Gipfelkunst am Schaumberg"
Tholey, Schaumberg, Herzweg
"Sessel gehören zur gängigen Ausstattung von Wohnzimmern, oft zusammen mit einem Wohnzimmertisch und einem Sofa. Viele Menschen benutzen zum bequemen Sitzen bzw. Liegen beim Fernsehen einen so genannten Fernsehsessel."
Ebenso wie das "Haus" von Inga Rusz ist der "Sessel", Heidrun Günthers Objekt, ja ein (In-) Begriff des Menschenwerkes - ein Gegenstand, der, eigentlich nur im Inneren des Hauses verwendet, sehr naturfern ist, alleine schon mit seinem Material für die freie Natur wenig geeignet.
Günther unterstreicht die Konnotation der Naturferne mit der Farbgebung: kein Teil der Landschaft/Natur zeigt leuchtendes Rot in dieser Menge.
Damit aber beginnt das Vexierspiel mit Gegenständen und Benennungen: auf eine 4 m hohe Stange gesetzt, wird der Sessel zum unerreichbaren Hochsitz. Aus der Bezeichnung "Fernsehsessel" (in einem Wort geschrieben) wir der "Fern-Seh-Sessel". Ersterer ist das bequeme Möbelstück, aus dem heraus das Fernsehprogramm angesehen wird. Dabei sieht man nicht in die Ferne, sondern Dinge, die soweit in der Ferne liegen, dass sie gar nicht zu sehen sind. Diese werden in ein elektronisches Medium übersetzt und als bewegte Bilder sichtbar gemacht - in einer Fülle und Geschwindigkeit, die der Zuschauer kaum mehr in Gänze wahrnehmen kann.
"Dies (die Programmfülle des digitalen Fernsehens) bewirkt eine zunehmende Zersplitterung und Fragmentierung der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Kommunikation".
Das/die Ferne wird im Fernsehen nicht wirklich gesehen und empfunden, sondern "nur" gewusst.
Günther zerlegt das Wort "Fernsehsessel" und beginnt damit ein Spiel: Fern-Seh heißt Fernsicht haben, also eine "weitreichende Sicht in die Ferne" (...), "die meistens auch einen Überblick über die Struktur der Landschaft ermöglicht". Zu den Bedingungen der Fernsicht gehören: ein geeigneter Standort auf einem erhöhten Punkt, ein möglichst weiter Blickwinkel zwischen 180° und 360°, gute und entspannte Augen (angestrengtes Starren in die Ferne bewirkt das Gegenteil) usw.
Aber Günthers Sessel ist auch aus dem Gebrauch entfernt, verschließt sich der Hilfestellung um in die Ferne zu sehen, macht Fernsicht zum Unerreichbaren und damit zum Begehrenswerten, fordert auf, sich um wirkliche Fernsicht zu bemühen oder eher um aufmerksame Nahsicht….?
Bibliografie
Michael Jähne
letzte Änderung: Mittwoch, 25.11.2009